5. Juli 2026 · aktualisiert 21. August 2026 · 3 Min. Lesezeit
Warum wir uns für unsere Stressreaktionen oft noch rechtfertigen
Vielleicht ist nicht deine Stressreaktion das Problem. Sondern der Druck, sie sofort verstehen, erklären oder verändern zu müssen.

Warum wir uns für unsere Stressreaktionen oft noch rechtfertigen
Vielleicht kennst du das: Du bist erschöpft, angespannt oder innerlich unruhig und schon beginnt dein Kopf nach einer Erklärung zu suchen. Du hast schlecht geschlafen, der Tag war zu voll, die Kinder waren anstrengend, bei der Arbeit war zu viel los. Oder du fragst dich sogar, warum du dein Nervensystem eigentlich noch immer nicht besser regulieren kannst.
Das Spannende daran ist: Zu der ursprünglichen körperlichen Reaktion kommt damit manchmal noch eine zweite Ebene hinzu – der Versuch, sie zu verstehen, zu kontrollieren oder möglichst schnell wieder loszuwerden.
Dabei sind Stressreaktionen zunächst einmal nichts, was wir bewusst entscheiden. Unser Nervensystem nimmt ständig Informationen aus unserer Umgebung und aus unserem Körper auf und bewertet, ob etwas relevant, herausfordernd oder möglicherweise bedrohlich ist. Vieles davon geschieht sehr schnell und ausserhalb unseres bewussten Denkens.
Wenn unser System eine Situation als belastend wahrnimmt, kann sich das beispielsweise durch einen schnelleren Herzschlag, flachere Atmung, Muskelanspannung, erhöhte Wachsamkeit oder das Bedürfnis nach Rückzug zeigen. Das bedeutet nicht automatisch, dass tatsächlich eine Gefahr besteht. Es bedeutet zunächst einmal: Unser Körper reagiert auf das, was er gerade wahrnimmt.
Und genau hier wird es interessant.
Denn häufig bewerten wir nicht nur die Situation, sondern anschliessend auch unsere eigene Reaktion darauf.
„Warum bin ich so angespannt?“
„Ich müsste mich doch inzwischen besser im Griff haben.“
„Andere schaffen das doch auch.“
„Was stimmt gerade nicht mit mir?“
Aus einer körperlichen Reaktion wird dadurch schnell ein innerer Konflikt.
In meiner Arbeit verwende ich dafür gerne das Bild von Ali – meinem inneren Beschützer. Wenn ich merke, dass mein Körper auf Schutz schaltet, kann ich mir sagen: „Ah, da ist Ali.“
Nicht, weil ich damit eine biologische Reaktion wegmachen kann. Sondern weil ich dadurch einen kleinen Abstand zwischen mir und meiner automatischen Reaktion schaffen kann. Ich nehme wahr, was passiert, ohne es sofort bewerten zu müssen.
Genau diese Haltung ist ein wichtiger Bestandteil körperorientierter Arbeit: wahrnehmen, ohne sofort verändern zu müssen.
Das bedeutet nicht, dass wir Anspannung einfach hinnehmen oder nichts tun sollen. Regulation kann sehr hilfreich sein. Bewegung, Atmung, Orientierung, Kontakt, Ruhe oder andere körperliche Ressourcen können unserem System dabei helfen, wieder mehr Flexibilität zu finden.
Der entscheidende Unterschied liegt vielleicht weniger darin, ob wir etwas tun, sondern aus welcher Haltung heraus.
Mache ich etwas, weil ich meinem Körper Unterstützung geben möchte?
Oder mache ich es, weil ich unbedingt möchte, dass dieser Zustand endlich verschwindet?
Das fühlt sich vielleicht nach einem kleinen Unterschied an. Für mich ist es aber ein wesentlicher.
Denn unser Körper ist kein Projekt, das wir ständig optimieren müssen.
Manchmal ist der erste Schritt zur Veränderung nicht die nächste Technik, die nächste Atemübung oder die nächste Erklärung.
Manchmal ist es schlicht die Erfahrung:
„Ich bemerke, was gerade in mir passiert – und ich muss mich dafür nicht verurteilen.“
Vielleicht ist genau das der Moment, in dem aus Selbstoptimierung langsam Selbstwahrnehmung wird.
Und vielleicht musst du heute nicht herausfinden, warum du dich so fühlst.
Vielleicht darfst du zuerst einfach bemerken:
So fühlt es sich gerade an.
Und das darf für diesen Moment genug sein.
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